KLARA

Kommunikations- und Sprachstörungen: lernen, aufmerksam reflektieren und Wissen anwenden

Digitales Lernangebot zu Kommunikations- und Sprachstörungen für Lehramtsstudierende

Hs-Prof. Dr. Jörg Mußmann, Pädagogische Hochschule Oberösterreich
KLARA-Logo: blau-oranges Zwei-Personen-Signet
Was sind Sprachstörungen? Eine kurze Einführung

Die folgenden Übersichtskarten fassen die fünf Phänomenbereiche zur schnellen Orientierung zusammen:

Sprache

Phonologie, Wortschatz/Semantik, Grammatik, Pragmatik

Sprechen

Planung, Programmierung und Ausführung lautsprachlicher Bewegungen

Redefluss

Kontinuität, Rhythmus, Tempo, Sprechanstrengung

Stimme

Stimmklang, Tonhöhe, Lautstärke, Belastbarkeit

Kommunikation

Situationsgebundenes Sprechen

Kernbotschaften für Lehrkräfte, Studentinnen und Studenten

Handlungsprinzipien für Unterricht und Beratung

  1. Sprachliche Anforderungen transparent formulieren und visualisieren.
  2. Gesprochene Sprache durch Bilder, Schrift, Gestik, Handlungen und Beispiele ergänzen.
  3. Ausreichende Verarbeitungs- und Antwortzeit geben.
  4. Äußerungen aufgreifen und sprachlich korrekt modellieren, ohne mechanisches Nachsprechen einzufordern.
  5. Sprechdruck, Beschämung, Nachahmung und abwertende Zuschreibungen verhindern.
  6. Beobachtungen situationsbezogen dokumentieren und keine diagnostischen Etiketten vergeben.
  7. Mit Eltern und Erziehungsberechtigten, Sprachheilpädagoginnen und Sprachheilpädagogen, Logopädinnen und Logopäden sowie psychologischen und medizinischen Fachpersonen kooperieren.

Vertiefungsvideo

Shortcuts for beginners und Interessierte

Spracherwerb und Sprachförderung

Eine Einführung zu Spracherwerb, Möglichkeiten schulischer Sprachförderung und ableistischen Zuschreibungen bei Sprachstörungen für Studienanfängerinnen und Studienanfänger.

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Hinweise zur fachlichen Einordnung

KLARA unterscheidet vier kommunikative Funktionsbereiche: Sprache, Sprechen, Redefluss und Stimme. Selektiver Mutismus wird gesondert als Störung der situationsabhängigen, mündlichen Kommunikationsfähigkeit im Zusammenhang einer Angststörung behandelt. Bei einzelnen Kindern treten mehrere Beeinträchtigungen gemeinsam auf. Die Zuordnung dient der ersten fachlichen Orientierung.

Hinweise zu Prävalenzangaben und Diagnostik

  • Prävalenzangaben verschiedener Störungsbilder sind wegen unterschiedlicher Altersgruppen, Diagnosekriterien, Erhebungsmethoden und Überschneidungen nicht addierbar.
  • Prävalenzwerte beziehen sich stets auf eine bestimmte untersuchte Population und einen festgelegten Zeitraum.
  • Mehrere Sprach-, Sprech-, Stimm- und Redeflussstörungen sowie weitere Entwicklungsbeeinträchtigungen treten teilweise gemeinsam auf.
  • Medizinische, psychologische und logopädische Behandlungs- und Abrechnungsdaten zeigen die Inanspruchnahme professioneller Leistungen, nicht die Häufigkeit eines Störungsbildes in der Gesamtbevölkerung.
  • Mehrsprachiger Spracherwerb verursacht keine Sprachentwicklungsstörung.
  • Eine fachgerechte Diagnostik bezieht sämtliche regelmäßig verwendeten Sprachen sowie Erwerbsbeginn, Kontaktdauer, Nutzungskontexte und Umfang des Sprachkontakts ein.

Pädagogische Einordnung

Sprachliche Beeinträchtigungen werden im Unterricht relevant, wenn sie Verständigung, Lernen, Selbstwirksamkeit oder soziale Teilhabe erschweren. Die fachliche Betrachtung richtet sich auf sprachliche Funktionen, individuelle Handlungsmöglichkeiten, kommunikative Anforderungen und Reaktionen des sozialen Umfelds.

Zu den in KLARA dargestellten Störungsbildern

Sprachentwicklungsstörung, SES und DLD

Beeinträchtigungen betreffen einen oder mehrere Bereiche: Phonologie, Wortschatz und Semantik, Morphologie und Syntax, Pragmatik sowie Sprachverständnis. Folgen zeigen sich häufig beim Lesen, Schreiben, Erzählen und fachlichen Lernen. Mehrsprachigkeit verursacht keine Sprachentwicklungsstörung.

Sprachverständnisstörung

Situationswissen, Routinen, Bilder und Reaktionen anderer Kinder verdecken Verständnisprobleme häufig. Arbeitsaufträge müssen sprachlich vereinfacht, visualisiert und durch eine inhaltliche Rückfrage überprüft werden.

Aussprachestörung

Phonetische Lautbildungsprobleme und phonologische Schwierigkeiten bei der regelhaften Verwendung von Lauten sind zu unterscheiden. Beide Formen beeinträchtigen die Verständlichkeit und teilweise den Schriftspracherwerb.

Verbale Entwicklungsdyspraxie

Die Planung und Programmierung von Sprechbewegungen ist beeinträchtigt. Typisch sind inkonstante Aussprachefehler, Suchbewegungen und erschwerte Lautfolgen. Häufig treten weitere sprachliche Beeinträchtigungen hinzu.

Stottern

Wiederholungen, Dehnungen und Blockierungen unterbrechen den Redefluss. Sprechdruck, Zeitdruck, Satzergänzungen und Aufforderungen zu kontrollierterem Sprechen erhöhen häufig die Belastung.

Poltern

Ein beschleunigtes oder unregelmäßiges Sprechtempo, viele nicht stottertypische Unflüssigkeiten und eingeschränkte Selbstkontrolle vermindern die Verständlichkeit. Poltern ist weder Nachlässigkeit noch Ausdruck ungeordneten Denkens.

Stimmstörung und Dysphonie

Anhaltende Heiserkeit, Veränderungen des Stimmklangs und eingeschränkte Belastbarkeit erfordern eine medizinische und logopädische Abklärung. Flüstern entlastet die Stimme nicht zuverlässig.

Selektiver Mutismus

Sprechen gelingt in vertrauten Situationen, bleibt in bestimmten sozialen Situationen aber anhaltend aus. Selektiver Mutismus steht im Zusammenhang mit Angst. Schweigen ist keine Verweigerung. Aufforderungen zum Sprechen und öffentlicher Sprechdruck sind zu vermeiden.

Weitere schulisch relevante Störungsbereiche

Die in KLARA ausgeführten Störungsbilder bilden eine didaktische Auswahl. Die Fachliteratur beschreibt weitere schulisch relevante Bereiche, die bei Beobachtung, Beratung und Kooperation berücksichtigt werden müssen.

Semantisch-lexikalische Störungen

Beeinträchtigungen des Wortschatzaufbaus, Wortabrufs und Bedeutungswissens.

Pragmatisch-kommunikative Störungen

Schwierigkeiten bei Gesprächsführung, Sprecherwechsel, Schlussfolgerungen, Erzählkohärenz, indirekten Bedeutungen und Anpassung sprachlichen Handelns an soziale Situationen.

Sprechangst

Angstbezogene Vermeidung mündlicher Äußerungen, insbesondere in bewerteten oder öffentlichen Situationen.

Sprachentwicklung bei Hörbeeinträchtigungen

Beeinträchtigungen des Hörens verändern Voraussetzungen für Lautwahrnehmung, Spracherwerb und Unterrichtskommunikation.

Auditive Verarbeitungs- und Wahrnehmungsstörungen

Schwierigkeiten bei der Verarbeitung gehörter Informationen trotz unauffälliger peripherer Hörfähigkeit. Die diagnostische Abgrenzung zu Aufmerksamkeits-, Sprachverständnis- und Lernproblemen erfordert interdisziplinäre Fachdiagnostik.

Störungen des Schriftspracherwerbs

Schwierigkeiten beim Lesen und Schreiben treten häufig gemeinsam mit lautsprachlichen Beeinträchtigungen auf und beeinflussen den weiteren Bildungserfolg.

Rhinophonie und kraniofaziale Fehlbildungen

Veränderungen des Stimmklangs und der Artikulation, etwa bei Lippen-Kiefer-Gaumen-Spalten.

Zentrale und erworbene Sprach- und Sprechstörungen

Aphasie, Dysarthrie und Sprechapraxie treten bei neurologischen Erkrankungen oder erworbenen Schädigungen auf. Im Kindes- und Jugendalter sind sie selten, für eine vollständige fachliche Einordnung aber zu benennen.

Schluckstörungen gehören zum erweiterten Arbeitsgebiet der Logopädie, bilden aber keine Kommunikationsstörung und werden deshalb in KLARA nicht als eigener Kommunikationsbereich geführt.